Campingzone
 

ostalgische Campinggeschichten


Bulgarische Freunde


Einmal wollten wir in Bulgarien Freunde besuchen und schlugen unseren Klappi auf dem Campingplatz bei Veliko Tarnowo auf. Eigentlich ist das Camp ein Hotel mit dazugehörigen Stellplätzen. Für uns bisher bekannte Verhältnisse war die Anlage fast feudal, wenn auch die vielen streunenden Hunde und Katzen recht nervig sein konnten. Von hier aus besuchten wir die Stadt, für jeden Bulgarienreisenden ein Muss. Die gigantischen Festung Zarevez, die Lage der Stadt an sich und ihre, den Reisenden auf Schritt und Tritt begleitende Geschichte vermitteln überwältigende Eindrücke.

Der von uns besuchte Freund hatte leider kurzfristig einen Auslandsaufenthalt antreten müssen, deshalb konnten uns diesmal nur seine Frau und Kinder allein empfangen. Sie hatten aber für Ersatz gesorgt, die Mutter des Freundes war anwesend und man erwartete noch den Vater und weitere Verwandte - und das in einer Zweizimmer-Plattenbau-Wohnung. Gut, dass wir uns auf dem Campingplatz einquartiert hatten. Der Abend wurde lang, die Sprachprobleme sorgten für Stummheit, nicht aber für Bewegungsarmut der Füße und Hände. Soviel verstanden wir aber dann doch: Am nächsten Tag sollten wir unseren Aufenthalt in Veliko Tarnowo beenden und ein verstecktes Balkandorf anfahren, welches den herkünftigen Stammsitz der Großfamilie unseres Freundes darstellte. In abenteuerlicher Reise ging es wie einst von Karl May beschrieben durch die Schluchten des Balkan. Irgendwann um die Mittagszeit hatten wir das Dorf erreicht - keine Menschenseele war zu sehen, der Dorfplatz lag wie ausgestorben, und doch ließ uns der gastgebende Bruder unseres Freundes mitten auf dem riesigen Platz anhalten. Erst ein wenig später merkten wir, dass die gesamte Dorfbewohnerschaft uns aus höflicher, sicherer Entfernung beäugte. Eine uralte Oma durchbrach die uns umgebende Einsamkeit und wollte die exotischen Deutschen aus der Nähe betrachten. Das brach den Bann, und alle, alle kamen, um uns herzlich zu begrüßen.

Unter einem Laubengang von Weinreben hatten die freundlichen Gastgeber eine lange Tafel mit allerlei Salaten, Gemüsen und sonstigen Genüssen aufgebaut. Wein und Pflaumenschnaps gab es im überfluss. Neben der Tafel brutzelten in der während des Sommers obligatorischen Freiluftküche duftende Fleischgerichte, die unsere Knoblauch-Abwehr-Instinkte mächtig in Wallung brachten. Wir erlebten eine Art Minivolksfest bulgarischer Gastfreundschaft. Trotzdem waren wir froh, die herzliche Runde endlich verlassen zu dürfen, was nicht an unseren Gastgebern, sondern vielmehr an der begrenzten Aufnahmefähigkeit unserer Mägen lag. Ein naher Verwandter unseres Freundes lud uns zu sich nach Hause in Sumen ein. Widerspruch war zwecklos, selbst Verweise auf abgesprochene Treffzeiten mit Bekannten auf dem Campingplatz am Schwarzen Meer verhallten im fröhlich-freundlichen Wortschwall unserer neuen Freunde.

In den Abendstunden erreichten wir Sumen, eine Stadt mit einem riesigen Denkmal, Khan Asparuch, den Gründungsvater Bulgariens, darstellend. Da wir bereits am nächsten Morgen in Richtung Schwarzmeerküste weiterreisen wollten, beschloss unser Gastgeber, uns noch am selbigen Abend seine Heimatstadt vorzustellen. Er setzte uns in seinen "Lada" und raste mit schwindelerregendem Tempo durch die Stadt. In Kurzaufenthalten lernten wir alle wichtigen Sehenswürdigkeiten kennen, derer es wahrlich nicht wenige in der Uralthauptstadt Bulgariens zu besichtigen gibt. Den Anfang bildete die urige Kneipe eines der vielen Kumpel unseres Gastgebers. Dann ging es weiter zu einer wunderschönen Moschee, die wir wegen Ermangelung des Torschlüssels und der fortgeschrittenen Stunde nur von außen besichtigen konnten. Danach rasten wir eine Serpentinenstraße hinauf zum Heiligtum, dem erwähnten Denkmal des ersten Staatsgründers Khan Asparuch. Man stelle sich vor, Blattgoldintarsien nur durch eine Kordelabsperrung vom Besucher getrennt, keine Wache weit und breit, kein noch so winziger Kratzer am Denkmal - dahinter muss viel Verehrung und Geschichtsbewusstsein der Menschen stehen.

Wir hatten uns vor der Reise ein wenig kundig gemacht über bulgarische Geschichte und so konnten wir unauslöschlichen Eindruck bei unserem "Reiseleiter" mit dem Wissen zum dargestellten Geschehen schinden.

Das veranlasste ihn, uns zu nächtlicher Stunde in die gigantische Burgruinenanlage der Stadt zu schleppen, die wir im Mond– und Scheinwerferlicht ohne Besuchermassen ganz allein besichtigen durften. Woher unser Freund den Eingangsschlüssel hatte, bleibt sein Geheimnis, vermutlich hatte der erste Anlaufpunkt in der Kneipe seines Kumpels etwas damit zu tun. Irgendwann war Schluss mit der Besichtigungstour. Wir wussten nicht, ob wir traurig darüber sein sollten oder dankbar dafür, dass wir heil und unversehrt die rasante Autofahrt überstanden hatten.

Unser Campinggespann hatten wir für die Nacht unter Bäumen abgestellt, die, wie wir des Morgens erkennen mussten, von Hunderten Tauben besiedelt waren - es bedurfte vieler Putzunternehmungen, bevor wir später ein wieder einigermaßen vorzeigbares Gespann unser eigen nennen konnten. Vorerst aber übernachteten wir bei unserem neuen Freund, was nicht ohne viel Esserei und noch mehr Slibowitz abgehen durfte. Unter einer selbstgebauten Dusche im Bad unseres Gastgebers - eine an einem Drahtgebilde aufgehängte Gießkanne - versuchten wir uns für die Weiterfahrt ein wenig zu ernüchtern, was so gut wie aussichtslos war. Glücklicherweise lotste uns unser Freund, der sich für seine Gäste aus Deutschland einen Tag arbeitsfrei gegönnt hatte, durch die Stadt und unter geschickter Umgehung ämtlicher Polizeikontrollen auf eine Landstraße zur freien Weiterfahrt Richtung Schwarzmeerküste. Der Restalkohol in unseren Köpfen verflüchtige sich allmählich und wir konnten in Erinnerungen schwelgen oder uns der Landschaft erfreuen, beides blieb bis heute nach so vielen Jahren unvergesslich haften. Bulgarische Freunde zu haben, ist nun einmal etwas ganz Besonderes.


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unsere Seiten wurden letzmalig geändert am 04.11.2016

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